kunstverein altötting e.v.

sonderausstellung 2011

'glaube, tod und türme'

Stadtgalerie Altötting

 

Texte aus der Eröffnungsrede von Alexander Brandmeyer,

Präsident des Kunstvereins Altötting e.V.

Peter Osenstetter hat sich in seinen Arbeiten ganz der Farbe hingegeben. Seine Bilder erinnerten mich zunächst an jenen euphorischen Ausruf von Paul Klee während der legendären Tunesienreise mit August Macke und Louis Moillet: „Die Farbe hat mich“. Seine Farbpalette ist aber in ihrer Farbsymbolik eher mystisch, so dass seine Bilder mitunter auch wie ein gemaltes Gebet erlebt werden können.


Wie Röntgenbilder von der Seele christlichen, insbesondere des katholischen Glaubens erscheinen die photographischen Arbeiten von Franz Ramgraber.
Die Bilder sind in ihrer Symbolik unmissverständlich, aber durch die spezielle Lumentechnik wirken sie eher wie „Erscheinungen“, und somit nicht wie ein gegenständliches Foto aus der diesseitigen Welt. Sein Standpunkt als Künstler zu seinen fotografierten „Erscheinungen“ bleibt im Verborgenem.

Monique Wirges hat eine ganz filigrane Arbeit zu dieser Ausstellung beigesteuert:
ein reliefartiges Sterngebilde in reinem Weiß, welches sie „den Tod“ nennt. Bei ihr ist der Tod nicht schwarz, er ist kein „Sensemann“,- eine Arbeit, die in meinen Augen Hoffnung und Zuversicht ausstrahlt.

Bekannte Gesichter von bekannter Geistlichkeit hat Isa Maria Jungblut dieser Ausstellung beigesteuert. Den Aussgangspunkt „Foto“, ggf. Pressefoto hat sie in großformatige und zupackende Malerei verwandelt. Dass der 11. September (Nine- eleven) eine implosive Bündelung der dunklen Seite von “Glaube, Tod und Türme” fast zwangsläufig darstellt, wird sich sicher Jeder und Jedem schnell erschließen.

Als historische Fortsetzung von einer dunklen Deutungsebene des Themas „Glaube Tod und Türme“ kann die jüngste Katastrophe in Fukoshima aufgefasst werden, und es ist sicher kein Zufall, dass Eva-Maria Schramm kurz danach das Atomkraftwerk „Isar I“ malte, inmitten einer Landschaft, die wie ausgeleuchtet wirkt, ohne Schatten, ohne Menschen. Ihrem Bild von der Lambertikirche in Münster, samt der drei Käfige, in denen man im 16. Jahrhundert die nach Reformen strebenden sog. Wiedertäufer den Vögeln zu Fraß vorwarf, nachdem sie gefoltert und ermordet wurden, ist unter unserem Ausstellungstitel „Glaube Tod und Türme“ nichts mehr hinzuzufügen.

Ganz anders hat sich Monika Froch dem Thema der Ausstellung angenähert. Sie hat das Thema Pilgern, dass unmittelbar mit ihrer Heimat Altötting zusammenhängt aufgegriffen, und in symbolistischer Farb- und Formgebung großformatig umgesetzt. Sie hat aber nicht nur das Ereignis dokumentarisch dargestellt, sondern den spirituellen Gehalt des Pilgerns in ihre Gesamtkomposition unmissverständlich mit einfließen lassen.

Simone Hörl hat alte Gräber aufgesucht und fotografiert, die wie verlassen- vergessen wirken. Auch ein Grab, dass an einen Verstorbenen über seinen Tod hinaus erinnern soll, bleibt vom „Zahn der Zeit“ nicht verschont und ist genau so wie der Mensch vergänglich. Man kann aber Gräber auch als Symbol der Beziehung von den Lebenden zu den Verstorbenen verstehen, und ich könnte mir denken, dass die psychoanalytisch versierte Kunst- und Hypnotherapeutin Simone Hörl auch diesen Aspekt mit bedacht hat.

Christa Gruber und Cornelia Straubhaar Tiffinger haben sich in ihrer Malerei kubistische Elemente zu eigen gemacht, welche an August Macke oder auch George Braque erinnern. Ich erinnere mich, dass sie die beiden Altötting Bilder gemeinsam „plain air“ bei einem unserer jährlich stattfindenden Malmeetings auf dem Kapellplatz mit unendlicher Geduld malten, während um sie herum der Betrieb- auch Pilgerbetrieb auf Hochtouren lief; einmal sogar im wahrstem Sinne des Wortes, als eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Motorini, Mofas, Motorroller auf den Kapellplatz fuhren- sie malten unbeirrt weiter: es ist vielleicht diese Art von Malprozess ihre Form zu pilgern.

Was macht Margarethe Stiegler da mit Altötting? Altötting direkt am Fuße des Watzmann, dabei ist das Land um Altötting herum platt wie ein Pfannkuchen, und nur im Gewerbegebiet „am Hirschwinkl“ sieht man bei klarer sicht die Berge. Es gibt ein bekanntes Foto von Altötting, das gerne zu Werbezwecken benutzt wird,- da sieht man die Stadt aus einer sehr moderaten Vogelperspektive und dahinter ist tatsächlich das Gebirge zu sehen, ich glaub sogar, es ist der „Wilde Kaiser“. Aber an den allermeisten Flecken in Altötting hält man vergeblich Ausschau nach den Bergen. Will Margarethe Stiegler den Werbestrategen der Stadt einen Ball zuspielen? Oder setzt sie das berühmte „Glaube versetzt Berge“ illustrativ in Malerei um?

Die Arbeiten von Astrid Haas und Gitta Bless haben einen erzählenden Charakter: Astrid Haas ist in ihren illustrativen Bildern glaubensgeschichtlichen Tatsachen nachgegangen, und wenn ich sie richtig verstanden habe, stehen diese zumeist in mittelbarem oder unmittelbarem Zusammenhang mit der Stadt Altötting. Gitta Bless hingegen greift bekannte Motive auf, die mindestens im kollektiven Unbewussten nahezu allen Menschen der christlich geprägten Kultur bekannt sind- Pieta, Petersdom – und nutzt diese für ihre eigenen Bildideen.

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Kathalin Harrer hat neben zwei Tuschezeichnungen vom Kapellplatz Altötting auch eine Reihe – wie ich finde sehr vielschichtige – farbige Arbeiten in Mischtechnik gemalt, eines davon ist ein alter verlassener Friedhof, wo sie in Form und Farbe das Vergehen- sich auflösen symbolhaft und malerisch sensibel nachempfunden hat.

   

Ganz viel Lebendigkeit gehen von den Skulpturen sowohl von Horst Renner, als auch von Christian Pöllner aus: Horst Renner nutzt bereits organisch Gewachsenes - Baumstämme, Äste, Astgabelungen – und veredelt das, was er in ihnen sieht mit seinem Schnitzwerkzeug. Christian Pöllner hingegen schafft seine Skulpturen aus anorganischem. Seinem Dreiklang „Glaube, Liebe Hoffnung“ muss man ebenso wie Renners Arbeiten auf sich wirken lassen. Sie sprechen jeweils ihre eigene plastisch-skulpturale Sprache, und dies tut auch sehr eindrucksvoll die Plastik von Hans Ulrich Thoma, über dessen Bereitschaft, an dieser Ausstellung teilzunehmen, wir uns besonders freuen.

Die beiden Skulpturen von Andreas Antwerpen geben in ihrem Anschein etwas sehr lebendiges und dynamisches wieder. So stellt sich nicht jeder den Tod vor. Besonders skurril, aber im positivem Sinne, ist der ausdrucksstark tanzende Sensemann: ein derart dynamisches Skelett ist in seiner Widersprüchlichkeit eben wirklich gekonnt skurril.

Das Thema Humor, Ironie, findet sich auch in dem Kapellplatzbild von Marie – Claire Marette wieder. Sie zitiert diverse bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten von Altötting, und liebe Gäste, seien Sie sich nicht sicher, dass Sie nicht auf dem Bild zu finden sind. Ihre Welle aus Spiegelglas, die wie ein Tsunami sich innerhalb des Bildraumes auftürmt und in der sich die Welt, die Umgebung, der Betrachter gebrochen und nur noch diffus spiegelt, bedarf keines weiteren Kommentars

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Eine stille edle Spiritualität strahlt die Arbeit von Günther Reil aus. Das Kontemplative, was der Künstler im Schaffensprozess erlebt haben mag überträgt sich auch auf den Betrachter, wenn er sich auf das nun fertige Werk einlässt.
Vom Leben, ganz in der diesseitigen Welt empfinde ich die eher dramatischen Bilder von Arthur Schweighofer. Er malt fragmentarisch die schwerste Leidensphase Christi am Kreuz in schonungslosem Realismus, er malt ein Frauenportrait, in lebendigem, emotional aufgeladenem Ausdruck, wobei er nicht verrät, in welchem Zustand die Gemalte sich befindet: leidet sie? Stirbt sie? gebärt sie oder ist sie erregt? passing_away

my god my god why have you forsaken me

In die diesseitige Welt möchte ich auch meine Bilder mit einreihen: In ihnen ist häufig der Niedergang Thema. Der Plattenbau aus Teblice in Tschechien und der Blick auf den Leipziger Süden können im Stil als „postsozialistischer Realismus begriffen werden -nicht ganz ohne Ironie- und dokumentieren die Reste einer gescheiterten Utopie, die einst als große Menschheitsidee konzipiert war und in ihrer Geschichte durch sich stets wiederholenden Machtmissbrauch sich letztendlich gegen die Menschen und ihre Bedürfnisse gerichtet hat und nun langsam zerfällt.

Waltraud Hammer und Erni Brentner setzen sich in ihrer gestischen Malerei symbolhaft mit ganz grundsätzlichen Fragen von Glaube und Wahrnehmung auseinander, so dass ihre Bilder auch wie gemalte Visionen gelesen werden können. Erni Brendtner greift hierbei die mittelalterliche Auffassung bildhaft auf, dass das Schachspiel ein Abbild der göttlichen Weltordnung sei.

Zuletzt Reinhilde Müller-Trisl, welche in ihrem Bild „Der Glaube überwindet den Tod“ drei Sehenswürdigkeiten von Altötting zu einem lichtem letztlich hoffnungsvollem Bild arrangiert, dass es beinahe gut tut, zuletzt dieses Bild auf sich wirken zu lassen, nachdem man sämtliche Niederungen und Unebenheiten zu dem Thema „Glaube, Tod und Türme hat über sich ergehen lassen. Auch ihre anderen Bilder- „Altötting aus himmlischer Sicht“ und „Die vier Propheten“ legen Zeugnis von ihrer Verbundenheit zur Stadt Altötting sowie dem Landkreis ab, indem sie sowohl im kleinem als auch im großem ihre Stadt und dessen Geschichte kennt, und dieses in Kunst zu transformieren weiß.